Unter Wyoming lauert die Apokalypse
Von Axel Bojanowski
Der Yellowstone-Nationalpark in den USA ist ein beliebtes Touristenziel. Heiße Quellen und vulkanische Landschaft deuten jedoch auch auf das hin, was darunter lauert: Eine gewaltige Magmablase, die Katastrophenpotential birgt.
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Satellitenbilder brachten die Wahrheit ans Licht
Dass mit der Erde unter dem US-Staat Wyoming etwas nicht stimmt,
wussten
Geologen schon lange. Sie hatten sich über vulkanisches Gestein und die
schwefligen
heißen Quellen in der Gegend gewundert. Einen Vulkankegel jedoch gibt
es nicht.
So brachten erst Satellitenbilder Ende der achtziger Jahre die Wahrheit
ans
Licht: Der Yellowstone-Nationalpark besteht zum großen Teil aus einer
Caldera,
dem Überrest eines eingestürzten Vulkans.
Magmablase doppelt so groß wie Luxemburg
Die Caldera dehnt sich über eine Fläche von 5000 Quadratkilometern, sie
ist
mehr als doppelt so groß wie Luxemburg. Über die gleiche Fläche
erstreckt sich
unter der Erde eine Magmablase. Langsam dringt das Magma nach oben und
schmilzt
die Erdkruste Richtung Erdoberfläche immer weiter auf. Es lässt Gestein
brechen, mehrere leichte Erdbeben am Tag sind die Folge.
Glutlawinen würden alles Leben auslöschen
Ein Ausbruch würde den Westen der USA vollkommen verwüsten. Im Umland
des
Vulkans würden 800 Grad heiße Glutlawinen aus Lava, Asche und Steinen
alles
Leben auf einer Fläche von der Größe Thüringens vernichten. Noch im
1000
Kilometer entfernten Los Angeles ginge ein Regen nieder, der die Region
30
Zentimeter dick mit Asche bedeckte. "Das öffentliche Leben dort und in
vielen anderen Metropolen wäre lahmgelegt", sagt Gefahrenforscher Bill
McGuire vom Londoner University College: Flughäfen, Bahnen,
Autoverkehr,
Elektrizitätswerke, Lebensmittellieferungen und Mobiltelefone stünden
still.
Ein Zentimeter Asche vernichtet jede Ernte
Landwirtschaft wäre auch auf anderen Kontinenten unmöglich,
prognostizieren
Wissenschaftler der Geologischen Gesellschaft von London. Die hat
kürzlich ein
Gefahrengutachten für Supervulkane im Auftrag der britischen Regierung
erstellt. Die Warnung der Forscher: Bereits eine Ascheschicht von einem
Zentimeter vernichtet den Ernteertrag eines Feldes.
Abkühlung von bis zu zehn Grad
Auch das Klima würde gravierend verändert. Milliarden Tonnen des Gases
Schwefeldioxid würden in die Luft gelangen und sich dann mit Wasser zu
Schwefelsäure verbinden. Wolken aus Säuretröpfchen legten sich wie ein
Sonnenschirm
um den Globus. Die Temperaturen fielen für Jahre um durchschnittlich
vier Grad.
Auf der Nordhalbkugel sei gar eine Abkühlung von bis zu zehn Grad
möglich,
heißt es in dem Gutachten.
Park verkabelt wie einen Intensivpatienten
Die Anwohner fühlen sich sicher, denn große Ausbrüche sind selten. Etwa
alle
700.000 Jahre kommt es zur Eruption, die letzte liegt 640.000 Jahre
zurück.
Geologen sind indes auf der Hut, sie haben den Park verkabelt wie einen
Intensivpatienten. Erdbeben- und Gasmessgeräte, Thermometer,
GPS-Stationen und
Neigungsmesser zeichnen alle Aktivitäten auf. Der Yellowstone-Park wird
auch
aus der Luft überwacht. Aktuellen Satellitenbeobachtungen zufolge, die
im
Oktober auf der Jahrestagung der Geologischen Gesellschaft der USA
vorgestellt
wurden, wölbt sich die Caldera im Norden wie eine Blase um sieben
Millimeter im
Jahr auf, im Süden dagegen sinkt sie jährlich um fünf Millimeter ein.
Das
"Atmen" zeugt von Bewegungen von Magma und heißem Grundwasser.
Unter der Oberfläche ein gigantischer Schweißbrenner
Die Quelle des Supervulkans vermuteten Wissenschaftler tief im
Erdinneren: Der
Schulmeinung zufolge quillt eine Säule heißen Gesteins aus dem unteren
Erdmantel in mehr als 2000 Kilometer Tiefe bis in die Erdkruste. Die
Nordamerikanische Erdplatte bewegt sich seit Jahrmillionen nach
Nordwesten über
diesen so genannten "Plume" hinweg, der wie ein Schweißbrenner die
Platte aufschmilzt. Tatsächlich finden sich westlich von Yellowstone
Spuren
gigantischer Vulkanausbrüche.
Plume-Theorie gerät ins Wanken
Doch Bilder des Erdinneren aus den letzten zwei Jahren brachten die
Plume-Theorie ins Wanken: Mit Erdbebenwellen, die den Erdmantel von
allen
Seiten durchdrungen haben, durchleuchteten Forscher den Untergrund -
genau wie
ein Arzt das Kind im Bauch einer Schwangeren mit Hilfe von Ultraschall
sichtbar
macht. Auf diesen so genannten "seismischen Tomogrammen" war kein
Magmaschlot zu sehen.
Riesenpflaume in geringer Höhe
Der Geologe Robert Smith von der Universität Utah in Salt Lake City
veröffentlichte kürzlich eine neue Theorie: Das Magmareservoir liege
wie eine Riesenpflaume
in geringer Höhe. Der Vulkan sei also kein Plume, sondern eine "Plum"
(englisch für Pflaume). Für die Entstehung des Magmas machte Smith die
in der
Region seit Jahrmillionen andauernde Dehnung der Erdkruste
verantwortlich: Weil
der Boden langsam aufreiße, laste immer weniger Gewicht auf dem
Erdmantel, der
folglich aufschmelze.
Dehnung der Erdkruste für Gefahr mitverantwortlich
Doch Smiths Theorie scheint obsolet, denn nun fanden Forscher
tatsächlich einen
Magmaschlot unter Yellowstone. Der Plume erstrecke sich allerdings
"nur" bis in 500 Kilometer Tiefe und nicht bis in den unteren
Erdmantel, berichten die Geophysiker Huaiyu Yuan und Ken Dueker von der
Universität Wyoming im Fachmagazin "Geophysical Research Letters"
(Bd. 32). Die Forscher haben die Daten von 48 Erdbebenstationen
ausgewertet.
Der Plume sei etwa 100 Kilometer dick und um 20 Grad geneigt. Gespeist
werde er
vermutlich von einem "See" teilweise geschmolzenen Gesteins in 700
bis 1000 Kilometer Tiefe. Eine in Kürze im "Journal of Geophysical
Research" erscheinende Studie von Forschern um Gregory Waite von der
University of Utah in Salt Lake City bestätigt das Ergebnis. Gleichwohl
müsse
das Plume-Modell modifiziert werden, schreiben Waite und Kollegen in
der
aktuellen Ausgabe des "Journal of Geophysical Research" (Band 110,
B11304). Nicht nur der Plume dränge nach oben, meint Waite. Auch die in
der
Region seit Jahrmillionen andauernde Dehnung der Erdkruste sei für die
Vulkangefahr verantwortlich: Weil der Boden langsam aufreiße, laste
immer
weniger Gewicht auf dem Erdmantel, der folglich zu Magma aufschmelze.
Sollte es soweit sein, droht die Apokalypse
Die neuen Abbildungen des Untergrundes sind hilfreich, denn mit ihnen
kann
besser rechtzeitig vor möglichen Eruptionen gewarnt werden. Mehrere
Fernsehfilme griffen in den letzten Monaten das Horrorszenario einer
Supervulkan-Eruption reißerisch auf. Doch die Forscher des Geologischen
Dienstes der USA beruhigen: Vor einem größeren Ausbruch würde zunächst
Magma
aufsteigen und sich mit deutlich vermehrten Erdbeben und ansteigenden
Bodentemperaturen bemerkbar machen. Indes: Sollte es soweit sein, droht
der
Welt die Apokalypse - es gibt nicht einmal Katastrophenpläne.