Die Rechtschreibgeißel
VON
IRIS HANIKA
Die Rechtschreibreform wurde mit dem Versprechen angekündigt, die Ungereimtheiten bei der Groß- und Kleinschreibung zu beseitigen. Das begrüßte ich. Auch fand ich es gut, die Zusammen- sowie Groß- oder Kleinschreibung bei Wörtern wie Autofahren, Radfahren, Skifahren zu vereinheitlichen. Ich fühlte mich von der Rechtschreibreform erst in dem Moment persönlich angegriffen, als sie mit ersten Beispielen bekanntgemacht wurde und ich erkennen mußte, daß es keinesfalls bloß um die Groß- und Kleinschreibung geht, sondern um das Weglassen ungefähr der Hälfte aller Kommas, um die Angleichung von Portemonnaie und Mayonnaise, vor allem aber um die Anpassung der deutschen an die englische Schriftsprache durch extensive Getrenntschreibung. Dieser Wahn des Getrenntschreibens nun ist das wahrhaft Teuflische an der Rechtschreibreform, weswegen ich meine Meinung zu ihr in gar keiner Schreibweise wiedergeben möchte. Im Comic stünde hier in etwa: #@?&§@$@!!!
Da die Rechtschreibreform meinen Lesefluß ständig behindern und mir eine entscheidende Möglichkeit der Nuancierung einfach stehlen will, konnte ich nicht anders, als sie vom ersten Tage an zu hassen. Weiter hasse ich es, daß die geschriebene Sprache nun auf den Stand von ungefähr 1730 zurückgeworfen ist. „Hier zu Lande“, was seit dem Beitritt der DDR zum Bundesgebiet häufig geschrieben wird, ist mir dafür das schrecklichste Beispiel.. Die alte Schreibweise ist dagegen elegant! Und an Wollknäuel denken zu lassen, wenn von Greueln die Rede ist, finde ich verabscheuungswürdig. Allein die „ss“-Regel leuchtet mir ein, obwohl auch sie nicht schön aussieht. Sie ist allerdings ziemlich schwer, auch wenn stets das Gegenteil behauptet wird. Nach der alten Regelung kann man sich nämlich mechanisch ausrechnen, wann man „ss“ und wann man „ß“ schreiben muß. Doppel-s kann nur zwischen zwei Vokalen stehen, fertig. Nach der neuen Regelung steht es immer nach kurzen Vokalen, was bedeutet, daß man hochdeutsch sprechen können muß, um die Regel anzuwenden. Wer das aber nicht ausreichend kann oder nicht musikalisch ist und darum einfach nicht begreift, was ein kurzer und was ein langer Vokal ist, kann diese Regel nicht anwenden. Wie soll denn ein Bayer jetzt „eine Maß Bier“ schreiben? Der Preuße spricht das a lang, der Bayer aber kurz.
In dieser Woche schrieben die Präsidenten verschiedener Akademien an sämtliche Ministerien, die im deutschsprachigen Raum mit der Rechtschreibung zu tun haben, einen Brief, in dem sie um eine moderate Rücknahme der Reform bitten. Ich bin zwar für eine komplette Rücknahme, aber immerhin, besser als nichts. Die Getrenntschreibung beklagen die Akademiepräsidenten als „Anglisierung der deutschen Schriftsprache, die deren von langer Hand gewachsener Eigenart umfassend Gewalt antäte“, und auch das tölpelhafte Stampfen der vielen Großbuchstaben beschreiben sie sachlicher, als ich das könnte:
„[D]ie Antiquarisierung, die sich als eine andere Tendenz der Reform herausstellte, mit Großschreibung bei adverbialen Bildungen (‚zu Grunde‘, ‚im Allgemeinen‘), Apostrophen bei Namensadjektiven (‚Goethe‘sches Gedicht‘) oder der zuletzt im Barock zulässigen Abtrennung einzelner Vokale (‚A-bend‘, ‚E-sel‘), bedeutet ein gewaltsames Zurückschrauben sinnvoller und eingebürgerter schriftsprachlicher Entwicklungen.“
Ich zitiere das hier, um meine Mitstreiter mit Munition zu versorgen. Mein Motto im Kampf für elegantes und nuanciertes Schreiben ist, da will ich nicht zimperlich sein: „Macht kaputt, was euch kaputtmacht“. Das Deutsche ist die präziseste Sprache, die mir bislang untergekommen ist, und eben darum bin ich froh, daß es meine Muttersprache ist. Ich drücke mich nämlich gerne präzise aus. Die Rechtschreibreform aber zwingt zu einer Verarmung und Verdummung der Schriftsprache, die am Ende auch die gesprochene Sprache verarmen und verdummen wird. (Im Radio sagen sie jetzt schon „selbst-ständig“.) Ich wüßte wirklich keinen Grund, warum man sich seines vorhandenen Reichtums begeben sollte. Die Sprache unterscheidet den Menschen vom Tier und gestattet ihm, sich wesentlich differenzierter auszudrücken als dieses. Wer lieber ein Mensch sein möchte als ein Tier, muß gegen diese Reform sein. Und der ist es ja auch.
Iris Hanika,
Jahrgang 1962, ist freie Autorin in
Berlin. Gerade erschien „Das Loch im Brot“ in der Edition Suhrkamp.