Golfstrom hat sich stark abgeschwächt


Verkehrte Welt: Trotz Erderwärmung könnte es deutlich kälter werden in Europa. Grund ist der schwächelnde Golfstrom. Forscher der Universität Southampton wiesen nach, dass er deutlich an Kraft verliert.

 

Gewaltige Wärmepumpe
Der Westen Europas verdankt dem Atlantikstrom sein vergleichsweise mildes Klima. Er funktioniert wie eine gewaltige Umwälzpumpe: Warmes Oberflächenwasser fließt aus dem Süden nach Norden und sorgt im Westen Europas für wärmere Luft. Im Norden sinkt vergleichsweise salzigeres Meerwasser in die Tiefe - es ist schwerer - und strömt in südliche Breitengrade. Dadurch wiederum wird das warme Oberflächenwasser aus dem Süden angesaugt. Dieser Kreislauf, der für Westeuropa wie eine Art Heizung funktioniert, ist in Gefahr, zitiert das Wissenschaftsmagazin "Nature" eine Studie der Forscher.

 

Süßwasser bremst Kreislauf
Demnach hat sich die Strömung deutlich verlangsamt und seit 1998 ein Drittel ihres Volumens verloren. Grund ist ausgerechnet die Erderwärmung: Der vom Menschen verursachte Treibhauseffekt sorgt in Grönland und Sibirien für stärkere Regenfälle, bringt Eisberge und Eisseen zum Schmelzen. Dadurch enthält das Wasser in Nordatlantik immer weniger Salz. Das bremst das Absinken des Wassers und somit den Atlantikstrom.

 

Erstmals nachgewiesen
Das Phänomen ist bekannt, Annahmen darüber basierten bislang aber nur auf Berechnungen. Das Team um den Ozeanographen Harry Bryden wies diese Entwicklung nun erstmals nach. Die Forscher untersuchten dazu Wasserproben aus verschiedenen Tiefen entlang des 25. Breitengrades aus den Jahren 1957 bis 2004. Eine direkte Veränderung des Golfstroms fanden sie zwar nicht heraus, stellten aber fest, dass sich die Umwälzbewegung insgesamt langsamer vollzieht.

Strom könnte plötzlich versiegen
Mehr noch: Der Strom könnte durch den stetig vermehrten Zufluss von Schmelzwasser im Norden nicht nur langsamer werden, sie könnte sogar plötzlich versiegen, zitiert Meereskundler Detlef Quadfasel von der Universität Hamburg Vorhersagen Potsdamer Klimaforscher. "Das ist kein linearer Prozess."

Extrem kalte Winter?
Von einer kommenden Eiszeit sprechen die Forscher nicht, die Aussichten könnten dennoch frostig sein: Wenn die gegenwärtige Tendenz anhalte, könne die Durchschnittstemperatur in Nordwesteuropa innerhalb des kommenden Jahrzehnts um rund vier Grad Celsius sinken, erläuterte Meric Srokosz vom britischen Umweltinstitut. Das könne den betroffenen Länder extrem kalte Winter bescheren. Unklar sei aber, wie lange die Verlangsamung des Atlantikstroms dauern werde.

"Es ist nur die Frage wie viel"
Auch Quadfasel hält die Schätzung, dass sich der Strom um 30 Prozent abschwächt, noch für relativ unpräzise. "Es könnten auch 10 oder 50 Prozent sein." Um genaue Aussagen zu machen, müsse nicht nur punktuell und damit störungsanfällig, sondern regelmäßig gemessen werden. Ein entsprechendes Projekt ebenfalls am 25. Breitengrad laufe seit anderthalb Jahren, sagte Quadfasel. "Dennoch: Die Abschwächung ist eindeutig, es ist nur die Frage wie viel."