Gedanken von Frau Göring-Eckardt zur Abtreibung


Es ist sicher eine große Gnade für Sie, sagte ein berühmter Kanzelredner zum Mesner der Universitätskirche, daß Sie so viele bedeutende Theologen predigen hören können. - Der Herr hat mir eine noch größere Gnade erwiesen, antwortete dieser darauf, nämlich die, daß ich trotzdem noch an ihn glauben kann.
7.8.2004 Neuk. Kal.


Kein anderer Glaube
 
Dies ist unser Hauptartikel, und das ist unser rechter, wahrhaftiger, christlicher Glaube und ist sonst kein anderer Glaube, nämlich daß Christus wahrer Gott und Mensch sei.
Und der Glaube macht auch allein selig. Wer nun einen anderen Glauben haben will, der fahre immer hin und sehe, wo er bleibe. Will’s die Vernunft nicht glauben, daß Gott habe Mensch werden können, so mag sie es lassen. Aber wir Christen glauben’s; denn Gottes Wort sagt’s, und dem Glauben ist nichts unmöglich.
Die Vernunft mag sich daran stoßen und ärgern, wie sie will. Es muß also sein, daß, wer da von des Teufels Gewalt, Sünden und Tod erlöst und selig werden möchte, der muß glauben, daß Christus wahrer Gott sei, durch welchen die Welt gemacht ist; auch wahrer Mensch, aus Maria geboren. Dieser Glaube allein, sonst keiner, er heiße, wie er wolle, macht selig.
Martin Luther


Theologische Grundgedanken


Der wichtigste Glaubenssatz, den die Christenheit heute wieder neu entdecken muß, ist der von der Wiederkunft Christi.
Carl Friedrich v. Weizsäcker, Naturwissenschaftler

Schon immer - also bereits als Kind - imponierte mir Martin Luther. Sein Kampf für die Gewissensfreiheit (so auch Paulus in Röm 14,5) war bahnbrechend für unsere abendländische Gesellschaft und Theologie. Daß Luther auch seine dunklen Seiten hatte, ist mir jedoch sehr wohl bewußt. Er war eben auch Kind seiner Zeit, was wir bei seiner Betrachtung nicht vergessen dürfen. Besonders tragisch ist dies bei der Judenfrage; im Gegensatz zum noch jungen Luther wurde der alte wegen gescheiterter Bekehrungsversuche zum Judenfeind, so daß leider auch Hitler meinte, sich auf ihn berufen zu können.
Dafür sind seine theologischen Kommentare zeitlos, was einen Pfarrer der nordelbischen Kirche mir gegenüber vor vielen Jahren schon zu der Äußerung veranlaßte: Herr Bühner, die lutherische Theologie ist die der Bibel am nächsten stehende. Besonders eine Tatsache nimmt mich für Luther ein: Er wollte im Gehorsam der Heiligen Schrift (Joh 17,21) gegenüber keine neue Kirche gründen. Das würdigt man auch im Vatikan, weshalb kurz nach dem ersten ökumenischen Kirchentag von Berlin 2003 eine Verlautbarung zu vernehmen war, wonach man sich mit den Lutheranern womöglich schon bald eine Übereinkunft in Sachen gemeinsamen Abendmahls vorstellen könne. Leider haben sich gerade sehr viele protestantische Kirchen eigenmächtig gebildet, weshalb mir inzwischen - das war ein Prozeß - auch die innerevangelische Ökumene mehr Mühe bereitet als die mit den Katholiken. Das betrifft vor allem deren theologisch zum Teil stark abweichende Aussagen zu Fragen von Taufe und Abendmahl, die als Vorwand zu Kirchengründungen mißbraucht worden sind. Leider ist oft als Folge dieses Denkens eine gewisse Arroganz gegenüber der offiziellen Kirche spürbar, denn "wer wirklich Christ ist, könne ja nicht mehr in dieser Kirche bleiben".
Im folgenden steht eine Verlautbarung unter dem Titel "Die Bibel - Gottes Wort an uns! Vom rechten Verstehen und Auslegen", welche vom Evangelisch-lutherischen Arbeitskreis Bibeltheologie und Kirche herausgegeben worden ist.

Der Herr öffnet uns die Schrift
(vgl. Lk. 24,25 f.)

 

Evangelisch-lutherische Grundsätze
zur Hermeneutik der Heiligen Schrift

 

Die folgenden Grundsätze zur Hermeneutik sollen das rechte Verständnis und die rechte Auslegung der Heiligen Schrift aufzeigen. Sie wenden sich einerseits gegen die weithin verbreitete rationale und historische Kritik der biblischen Botschaft wie andererseits gegen ein sektiererisches Verständnis, das Jesus Christus als Erfüllung und Mitte der Heilsgeschichte und der Heiligen Schrift nicht gerecht wird.

 

These 1

Gott hat sich den Menschen offenbart.

Der natürliche Mensch hat nach dem Sündenfall nur noch eine unvollkommene Ahnung von Gott im Herzen, die ihn nicht zur wahren Erkenntnis Gottes und nicht ins ewige Leben führen kann (Röm 1,19-22; 1. Kor 1,20.21; 12,3). Da hat Gott zu den Menschen gesprochen, um ihnen sein Wesen, seine Gebote und seinen Heilswillen zu offenbaren. Deshalb werden wir immer wieder aufgefordert: Höret auf das Wort Gottes!

(5.Mose 6,4; Mt. 17,5; Joh. 5,24).

 

Verworfen wird die Meinung,

daß der Mensch von sich aus durch logische, philosophische oder spekulative Überlegungen Gott und seinen Heilsweg für die Menschen recht erkennen könne.

 


These 2

Der dreieinige Gott hat sich in der Geschichte offenbart, indem er sich herabließ (Kondeszendenz), in menschlichen Worten zu den Menschen zu sprechen wie zu und durch Mose und die Propheten und zuletzt im Sohn und durch dessen Apostel (2. Petr. 1,20 f.; Hebr. 1,1 f.).

 

Dabei paßte Gott sein Wort der Redeweise und Kultur der jeweiligen Zeit soweit an, daß er in dieser Zeit, aber auch noch von den nachfolgenden Generationen bis hin zum Jüngsten Tag, zu verstehen ist. Auf diese Weise sollen die Menschen aller Zeiten Gottes Wesen und Ratschluß – soweit er es offenbart hat – und seinen Willen sowie seine Heilszusage erkennen.

 

Verworfen wird die Meinung,

     die biblische Botschaft beruhe nicht auf Offenbarung Gottes, sondern sie habe sich innerweltlich in einem geschichtlich-kulturellen Prozeß entwickelt,

    Gott habe sein Wort so zeitgebunden gesprochen, daß es heute nicht mehr gelte oder nicht mehr verstanden werden könne (siehe auch These 23).

 

These 3

Durch das Wirken und den Beistand des Heiligen Geistes sind uns Gottes Wort und Offenbarung durch die Schriften des Alten und Neuen Testaments zuverlässig überliefert. Die Heilige Schrift selbst ist Offenbarung Gottes (2.Tim. 3,16).

 

Wie uns die Heilige Schrift heute in den Ursprachen vorliegt, so hat sie Gott gewollt. Durch sie hat Gott den Weg ins ewige Leben gewiesen und die Regel und Richtschnur des Glaubens und Lebens gesetzt (Joh. 5,39; Röm. 1,2).


Die schriftlichen Berichte von Gottes Offenbarung wurden durch Eingebung des Heiligen Geistes (Inspiration) von auserwählten Menschen geschrieben. Sie bedienten sich zwar unterschiedlicher Ausdrucks- und Redeweisen, aber dennoch sind Inhalt und Wortlaut von Gott gewirkt. Die Sprache ist naturgemäß Träger der Inhalte, deshalb hängen Wort und Inhalt untrennbar zusammen. Der Weg zum Glaubensverständnis eines biblischen Textes erfolgt durch seinen Wortlaut und nicht über ihn hinweg.

 

Verworfen wird die Meinung,

     Gott habe sich auch noch in anderen Religionen und anderen religiösen Schriften offenbart,

   unmittelbarer Wortsinn und Wortlaut der Heiligen Schrift wären mehr oder weniger nur von Menschen zufällig gewählt und könnten deshalb verändert oder ausgetauscht werden,

     vermeintliches Menschenwort sei vom Gotteswort, also Ausdruck vom Inhalt, zu scheiden,

   ein neues vom Wortlaut abweichendes rechtes Verständnis eines Schriftwortes könne durch Rekonstruktion eines angeblich zuverlässigeren vorkanonischen Textes gewonnen werden.

 

These 4

Welche Schriften Gottes Wort sind und damit zur Heiligen Schrift des Alten und Neuen Testaments gehören (Kanon), ist durch das Wirken des Heiligen Geistes aus ihrem inneren Zeugnis, ihrer prophetischen und apostolischen Herkunft und der Anerkennung durch die Gemeinden bzw. der apostolischen Kirche gewachsen (Joh. 16,13 f.).

 

Der alttestamentliche judäische Kanon lag praktisch schon zur Zeit Jesu fest. Nach dem Zeugnis der Apostel und Evangelisten wird er von Jesus nicht kritisiert, sondern durch häufige Bezugnahme auf die alttestamentlichen Schriften bestätigt. Insbesondere im Evangelium des Matthäus wird dies vielfältig bezeugt. Es gibt jedoch neutestamentliche Schriften, deren apostolische Herkunft von einigen Gemeinden als nicht genügend gesichert angesehen wurde und die auch nicht bei allen Gemeinden in Gebrauch waren (Antilegomena). Das gilt mehr oder weniger für den Jakobusbrief, den Judasbrief, den Hebräerbrief, den 2. Petrusbrief, den 2. u. 3. Johannesbrief und für die Offenbarung des Johannes. Da aber andererseits eine überaus große Anzahl von Gemeinden diese Schriften als apostolisch anerkannten, wurden sie in das Neue Testament aufgenommen. Doch sollten um der Gewißheit willen allgemeine Glaubenssätze und Lehrentscheidungen nicht allein aus den Antilegomena abgeleitet werden. Sie sind wesentlich mit den übrigen von allen als zweifelsfrei anerkannten Schriften (Homolegomena) des Neuen Testaments zu begründen.

 

Verworfen wird die Meinung,

     die Zusammenstellung der einzelnen Schriften zur Heiligen Schrift beruhe nicht auf maßgeblichem Einwirken des Heiligen Geistes,

     gegen den Kanon des Alten und Neuen Testaments und die von der ganzen frühen Kirche als zweifelsfrei anerkannten Schriften (Homolegomena) können heute noch Zweifel und Einwände vorgebracht werden.

 

These 5

Der dreieinige Gott hat sein göttliches Wesen und seine Heilszusage den Menschen in der Geschichte offenbart. In Jesus Christus erfüllen sich alle Heilsverheißungen (2. Kor. 1,20).

 

Das heißt, Gott hat den Menschen eine Heilsgeschichte bereitet. Daraus erfahren wir von Gottes Wesen, seinem Willen für die Menschen der damaligen Zeit, aber auch von seinem unwandelbaren Willen für die Menschen aller Zeiten. Darüber hinaus enthält das Alte Testament Verheißungen, Gottes Heilszusage für Israel und alle Menschen – Verheißungen auf die kommende Erlösung, auf das kommende Reich Gottes und den kommenden Christus.

 

Verworfen wird die Meinung, daß

   das Alte Testament vor allem Mythen und eine national geschönte Geschichtsschreibung Israels enthalte.

  das Alte Testament heute nur noch historisch-kritisch und religionsgeschichtlich verstanden werden könne.

  die prophetischen Worte auf die kommende Heilszeit und den Messias nicht auf Jesus von Nazareth als den gekommenen Messias bezogen werden könnten,

  als Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen das jüdische Volk auch ohne den Glauben an Jesus Christus zum Heile gelangen könne.

 

These 7

Da das Alte Testament von Gottes Wort und Handeln in der Geschichte sowie von Worten der Prophetie und Verheißung berichtet, haben Verständnis und Auslegung sowohl nach dem Wortlaut (Literalsinn) als auch unter Berücksichtigung der im Neuen Testament geschehenen Erfüllung in Jesus Christus zu erfolgen. 

 

Das AT drängt auf seine Erfüllung hin. Nach dem Zeugnis des NT ist Jesus Christus die Erfüllung  der Verheißungen und Erwartungen des AT (2. Kor. 1.20). Deshalb ist eine Deutung des AT abgetrennt vorn NT nicht sachgemäß. An der Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen in Jesus Christus wird jedoch deutlich, wie manche Prophetie in bildhaften Worten und nur umrißhaft gegeben war.

 

Verworfen wird die Meinung,

     das AT könne ausschließlich nach dem historischen Sinn ohne Hinzuziehen des NT recht verstanden und ausgelegt werden,

     das AT habe für den Glauben der Christenheit keine oder nur noch sehr geringe Bedeutung.

 

These 8

Bestimmte Geschichten und Personen des Alten Testaments weisen über ihren alttestamentlichen Kontext hinaus und sind deshalb typologisch auf den nachfolgenden Neuen Bund und auf Jesus Christus zu beziehen.

 

Soweit jedoch in der Auslegung einzelner Schriftstellen (Exegese) für solch ein typologisches Verständnis kein unmittelbarer Hinweis im NT gegeben wird, ist mit Zurückhaltung und Umsicht zu verfahren. Eine typologische Auslegung darf nicht dazu führen, daß damit Eigenwert und unmittelbarer Wortsinn der alttestamentlichen Schriftstelle gleichsam aufgehoben werden (Allegorese). Auch darf kein neuer Offenbarungsinhalt im Sinne eines neuen Glaubenssatzes begründet werden, für den keine andere unmittelbare und klare Schriftstelle angeführt werden kann.

Vor der Gefahr gekünstelt oder gepreßt wirkender typologischer Auslegungen, die unglaubwürdig wirken müssen und damit geeignet sind, Zweifel an Gottes Wort zu wecken, wird gewarnt.

(Beispiele zur Typologie: Jona war drei Tage im Bauch des Fisches (Jona 2), Jesus war drei Tage im Tod und Grab (Mt. 12,40), so ist die Geschichte des Jona auch eine Typologie auf Jesus Christus.

Abraham soll seinen Sohn Isaak opfern (1. Mose 22), Gott opfert seinen Sohn am Kreuz.)

 

Verworfen wird die Meinung, daß es keine Typologie des Alten auf das Neue Testament hin gäbe.

 

These 9

Das Verständnis und die Auslegung des Alten Testaments durch Jesus Christus sind für uns verbindlich.

 

Jesus Christus ist

• das fleischgewordene Wort Gottes,

• der eingeborene Gottessohn, der teilhat am Schöpfungswerk und der Heilsgeschichte, und auch teilhat an der Offenbarung und der Schriftwerdung.

Er ist deshalb der autoritative Ausleger der Schrift. Ja, er ist mehr, er ist ihre Erfüllung und er ist auch Herr über die Schrift. Wer sollte da das AT besser auslegen und uns ein besseres Verständnis zeigen als er?

Entsprechende Vollmacht der Auslegung haben auch die von Jesus Christus bevollmächtigten und mit dem Heiligen Geist ausgerüsteten Apostel (siehe auch Thesen 15-17).

(Beispiele: Wenn Jesus Noah (Mt. 24,38) und Jona (Lk. 11,29 f.) als historische Personen des AT benennt, dann sind sie auch tatsächlich lebende Personen gewesen und nicht nur Gleichnisfiguren.

Entsprechendes gilt, wenn Paulus Adam und Eva als historische Personen anführt (Röm. 5,14, 1. Kor. 15,45). Wenn Paulus in 1. Tim. 2.11 f. der Frau das Lehren (Predigen) mit dem Hinweis auf die Schöpfungsordnung des AT untersagt, dann ist die Bezugnahme eine autoritative Auslegung des AT, die auch uns bindet.)


Zu diesem Komplex befragte ich eine Diakonisse, die auch Theologin ist.  Ihrer Meinung nach besteht ein Unterschied darin, ob eine Frau herrschen oder dienen wolle. Wenn sie diene, dann dürfe sie auch Pastorin sein. Wie sie jedoch das Argument mit dem Hinweis auf die Schöpfungsordnung sieht, vergaß ich sie zu fragen. Immerhin kennt das AT (Ri 4) eine Richterin, was ein Hinweis darauf sein mag, daß Gott in Ausnahmesituationen auch Frauen mit Leitungsfunktionen versieht.
Jedenfalls wird dieser Fragenkomplex auch unter Lutheranern strittig bleiben. In den anderen nicht-katholischen Kirchen ist er dies schon gar nicht mehr. Selbst die Altkatholiken ordinieren Frauen.


Verworfen wird die Meinung,

     das Verständnis und die Auslegung des AT durch den Herrn Jesus Christus und seiner Apostel wären nicht autoritativ,

     Jesus und die Apostel hätten auch nur ein zeitbedingtes und damit relatives Verständnis des AT gehabt,

    Jesus und die Apostel hätten bei ihrer Auslegung und Verkündigung Zugeständnisse an die damaligen gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse gemacht und deshalb nicht den ganzen und wahren Willen Gottes verkündigt,

   aus den genannten Gründen müsse heute erst noch der eigentliche Wille Gottes ermittelt werden, ggf. auch entgegen den Worten Jesu und seiner Apostel.

 

These 10

Die Evangelisten Matthäus. Markus, Lukas und Johannes stimmen in ihrem Gesamtzeugnis von Jesus Christus überein.

 

In ihren Einzelzügen weichen sie jedoch mitunter voneinander ab. Dies resultiert daraus, daß die Evangelisten

• unterschiedlicher Herkunft sind und aus unterschiedlichen Blickwinkeln berichten.

• sich jeweils einer knapperen oder ausführlicheren Form sowie verschiedener Denk- und Ausdrucksweisen bedienen und

• sich unterschiedlichen Adressatenkreisen zuwenden.

Doch stehen alle vier Evangelisten unter der Verheißung Jesu: „Wer euch hört, der hört mich“ (Lk. 10,16). Von ihnen gilt die Feststellung, daß „noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht ist, sondern von dem Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Namen Gottes geredet" (2. Petr. 1,20.21).

 

Verworfen wird,

die Einzelzeugnisse der Evangelien gegeneinander auszuspielen und bei bemerkten Abweichungen entscheiden zu wollen, welches Zeugnis nun der Wahrheit entspräche und welches nicht.

 

These 11

Bei scheinbar voneinander abweichenden Einzelzeugnissen der Evangelien kann durch Auslegung und Erklärung versucht werden, Übereinstimmung (Harmonie) zu erzielen. Dies gilt auch für alle anderen scheinbaren Widersprüche in der gesamten Heiligen Schrift.

 

Dabei wird vor der Gefahr einer gekünstelten oder gepreßt wirkenden Harmonisierung gewarnt, die unglaubwürdig wirkt und damit geeignet ist, Zweifel an Gottes Wort insgesamt zu wecken. Gelingt eine befriedigende Harmonisierung nicht, so sind die Schriftstellen unverkürzt nebeneinander stehen zu lassen (siehe auch These 26).


These 12

Jede Auslegung der Heiligen Schrift hat dem Glauben gemäß zu sein (Röm. 12,7).

 

Das heißt, jede Auslegung kann nur aus der Heiligen Schrift selbst hergeleitet werden (Schrift kann nur mit Schrift ausgelegt werden). Dabei ist immer das Gesamtzeugnis der Heiligen Schrift mit ihrer Mitte – Jesus Christus – maßgeblich zu berücksichtigen.

Das Gesamtzeugnis der Heiligen Schrift wird bekannt mit den altkirchlichen Glaubensbekenntnissen, nämlich

dem Apostolischen, dem Nizänischen und dem Athanasianischen Glaubensbekenntnis in ihrem Wortsinne, mit ihren Glaubenssätzen vom dreieinigen Gott, der wahren Menschheit und Gottheit Jesu Christi und den Heilstatsachen (regula fidei),

und den Bekenntnissen der evangelisch-lutherischen Kirche,

insbesondere mit ihren Glaubenssätzen von

    der Unterscheidung der Worte der Heiligen Schrift nach ihrem Gehalt von Gesetz und Evangelium,

    der Verheißung, daß der Mensch das ewige Leben ererbt: allein durch Christus, allein aus Gnaden, allein durch den Glauben (Röm. 3,9 ff.),

    der Feststellung, daß allein die Heilige Schrift als Gottes offenbartes Wort Regel und Richtschnur des christlichen Glaubens und Lebens sein kann.

 

Verworfen werden alle Aussagen und Auslegungen zur Heiligen Schrift, die nicht in der o. a. Weise dem Glauben gemäß sind.

 

These 13

Das Wort Gottes im Alten und im Neuen Testament ist nach seinem Wesen zu unterscheiden in „Gesetz“ und „Evangelium“.

 

Mit Gesetzesworten fordert Gott von den Menschen ein bestimmtes Verhalten, erhebt Anspruch auf Gehorsam und droht ihnen im Falle des Ungehorsams zeitliche und ewige Strafe an:

„Siehe, ich lege euch heute vor den Segen und den Fluch: den Segen, wenn ihr gehorcht den Geboten des HERRN, eures Gottes, die ich euch heute gebiete; den Fluch aber, wenn ihr nicht gehorchen werdet den Geboten des HERRN, eures Gottes ...“ (5. Mose 11,26-28).

„Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüte und von allen deinen Kräften. Das andere ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer als diese“ (Mk. 12,30.31).

Mit Evangeliumsworten spricht Gott zu den Menschen von seiner Liebe, Barmherzigkeit und Gnade, daß er die Sünden vergeben und sie ins ewige Leben führen will:

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein“ (Jes. 43,1).

„Aber mir hast du Arbeit gemacht mit deinen Sünden und hast mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten. Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünde nicht“ (Jes. 43,24.25).

Jesus spricht:

„Wer mein Wort hört und glaubet dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurch gedrungen. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben“ (Joh. 5,24; 11,25.26).

 

These 14

Allein der Glaube an Gottes Verheißung des Evangeliums kann das Heil vermitteln (Röm. 3,21 f.; Gal. 3; 5,4.9). Dies galt auch schon zur Zeit des Alten Testaments (Röm. 4; Heb. 11; 2. Mose 34,6f). Dennoch ist das Gesetz Gottes bleibender Wille, dem alle Menschen gehorchen sollen. Gesetz und Evangelium sind zu unterscheiden.

 

Verworfen wird die Vermischung von Gesetz und Evangelium, wobei

     unter Hinweis auf das Evangelium Gottes Gebote mit ihrem Anspruch auf Gehorsam und ihrer Strafdrohung entkräftet bzw. entwertet werden, oder

     unter Hinweis auf das Gesetz die Gnade Gottes in seinem Sohn Jesus Christus noch zusätzlich von einer bestimmten Leistung bzw. Gesetzeserfüllung des Menschen abhängig gemacht wird.

 

These 15

Gott hat sein Gesetz gegeben

    als einen Maßstab für das Zusammenleben und Verhalten der Menschen und um die Sünde äußerlich im Zaum zu halten (Riegel), 

    zur Erkenntnis unserer Sünden und des göttlichen Gerichts (Spiegel, Röm. 3,20).

    als Richtschnur und Regel für das Leben des Christen, des wiedergeborenen neuen Menschen, (Regel, Röm. 3,31; 13,8 f.; 1. Joh. 5,2).

    als einen Zuchtmeister auf Christus (Gal. 3,24).

„So ist also das Gesetz heilig. und das Gebot ist heilig, recht und gut“ (Röm. 7,12).

„Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten“ (Joh. 14,15).

 

Verworfen wird die Meinung,

daß im Hinblick auf das Evangelium und den neuen Bund in Jesus Christus die Worte des Gesetzes generell überflüssig geworden wären.

 

These 16

Bestimmte alttestamentliche Gesetzesworte gelten uns nicht mehr.

 

Das sind die Gesetze, die Gott als ein Bundeszeichen mit Israel (a) gesetzt hat, die den äußeren Kult und die Zeremonien des Tempels (b) und die äußere kultische Reinheit Israels (c) betreffen. Die Gesetzesworte zur Regierweise und Rechtsprechung im alten Bundesvolk Israel sind mit dem Kommen Jesu Christi und dem Ende der äußeren Theokratie Israels hinfällig geworden (d).

a) „Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Kreatur“ (Gal. 6,15).

b) „So ist Christus einmal geopfert, wegzunehmen Vieler Sünden ... Wo aber Vergebung der Sünden ist, da geschieht für sie kein Opfer mehr“ (Hebr. 9,26.28, 10,18).

c) „Was zum Munde eingeht, das macht den Menschen nicht unrein, sondern was zum Munde ausgeht, das macht den Menschen unrein“ (Mt. 15,11).

„So lasset nun niemand euch Gewissen machen über Speise oder über Trank oder über bestimmte Feiertage oder Neumonde oder Sabbate“ (Kol. 2,10, vgl. auch 1. Tim. 4,4).

d) „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Joh. 18,36).

 

Verworfen wird die Meinung,

daß die Kirche als das neue Bundesvolk auch die Gesetze zu beachten hätte, die speziell dem alten Bundesvolk Israel gegeben wurden.

 

These 17

Gottes Gesetzesworte zur Ethik sind zeitlos verbindlich.

Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes befreit, indem er ihn auf sich nahm; vom Gehorsamsanspruch hat er uns nicht entbunden (Mt. 5,17, Gal. 3,13).

Deshalb gelten weiterhin Gottes Worte  z.B. gegen Ungehorsam gegenüber den Eltern, dem Staat, dem Dienstherrn (4. Gebot; Eph. 6; Röm. 13,1-7), gegen Scheidung, Ehebruch, sexuelle Ausschweifungen und Homosexualität (6. Gebot, Mt. 19,3 f.; Röm. 1,26 f.; 13,13; Eph. 5).

 

Verworfen wird die Meinung,

daß im Hinblick auf das Evangelium oder eine vermeintliche Zeitbedingtheit der o. a. Gesetzesworte, diese der Christenheit nicht mehr gelten würden.

 

These 18

Weisungen des Neuen Testamentes können nur bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen als lediglich zeitgebunden verstanden werden.

 

Solche Voraussetzungen sind gegeben, wenn der Text bzw. Kontext zu erkennen gibt,

daß die Weisungen

    nur an bestimmte Personen.

    zu bestimmten Zeiten und

    unter bestimmten Umständen

ergangen sind und damit nicht allgemein und für die folgenden Generationen in der Kirche gelten sollen.

Die zeitbezogenen Weisungen basieren auf nach wie vor geltenden göttlichen Grundforderungen. Die zeitbezogenen Weisungen sind also nur Konkretisierung bzw. Ausprägung der zeitlosen Grundforderungen Gottes.

(1. Beispiel: Apostelkonzil, Apg. 15. Gottes zeitlose Grundforderungen: Friede, Einigkeit, Gemeinschaft, Liebe zueinander, kein Ärgernis und keine Anfechtung den Glaubensgeschwistern geben.

 

These 19

Die Heilige Schrift ist in ihrem Gesamtzeugnis klar und eindeutig (Joh. 5,39).

Jeder kann sie verstehen und aus ihr Gottes Willen und seinen Heilsweg für die Menschen in seinem Sohn Jesus Christus deutlich vernehmen. Durch sie wirkt der Heilige Geist, wo und wann er will (siehe These 28).

Der Herr öffnet uns die Schrift

 

Verworfen wird die Meinung, daß

     aufgrund vorhandener unklarer Stellen die Schrift insgesamt unklar wäre,

     nur ein besonderes bevollmächtigtes kirchliches Lehramt (z.B. Papst) oder theologische Wissenschaftler das Gesamtzeugnis der Heiligen Schrift recht verstehen könnten,

     die Heilige Schrift mit einem Vorverständnis, das nicht ihrem Wesen und ihrer Heilsabsicht entspricht, recht verstanden und ausgelegt werden könne.

 

These 20

Unklare oder „dunkle" Schriftstellen sind mit den klaren zu erklären bzw. aufzuhellen.

Ist dies nicht möglich, so lasse man die unklare Stelle als solche stehen (Thesen 26-29). Unklar ist eine Schriftstelle, wenn aus ihrem unmittelbaren Wortlaut keine verständliche Aussage oder nur eine, die nicht dem Glauben gemäß wäre, erschlossen werden kann.

 

Verworfen wird,

    daß aufgrund der vorhandenen unklaren Schriftstellen die Schrift nicht unter Eingebung des Heiligen Geistes zustandegekommen sei,

    klare und eindeutige Schriftstellen durch Herbeiziehen unklarer Schriftstellen zu verdunkeln, also die klaren mit den unklaren in Zweifel zu ziehen.

Martin Luther:

„Denn klare und gewisse Stellen durch Vergleichung mit anderen auslegen wollen, das heißt, die Wahrheit in nichtswürdiger Weise verspotten und Wolken ins Licht bringen" (W2 Bd. 20, 326).

 

These 21

Vom Verständnis einer Schriftstelle nach ihrem unmittelbaren Wortsinn (Literalsinn) kann nur bzw. muß abgewichen werden, wenn besondere Umstände vorliegen.

 

Diese liegen vor, wenn

im Text selbst ein Hinweis auf eine Bild- oder Gleichnisrede bzw. eine Metapher gegeben ist (z.B. Mt. 13,3 f.),

überhaupt nur ein bild- oder gleichnishaftes Verständnis der Worte möglich ist (siehe jedoch auch Thesen 26-29).

ein wörtliches Verständnis dem Gesamtzeugnis der Heiligen Schrift widersprechen und nicht dem Glauben gemäß sein würde.

Wer in seinem Verständnis vom Wortlaut des Textes abweicht, hat dies unter Hinweis auf andere Schriftstellen zu begründen (Beweislast).

Martin Luther:

„Denn ich habe oft gesagt. daß wer in der Heiligen Schrift studieren will, soll je darauf sehen, daß er auf den einfältigen Worten bleibe, wie immer er kann und je nicht davon weiche, es zwinge denn irgendein Artikel des Glaubens, daß man es müsse anders verstehen denn die Worte lauten" (W2 Bd. 3, 20).

 

Verworfen wird,

•     daß derjenige, der die Heilige Schrift nach dem unmittelbaren Wortlaut versteht, dies besonders zu begründen hätte; dies wäre eine unzulässige        Umkehr der Beweislast;

•      ein gegebenes wörtliches Verständnis eines Textes ohne schriftgemäße Begründung in ein nur bildhaftes bzw. in ein spekulativ bildhaft-                         psychologisches umzudeuten.

 

These 22

Die bildhaften Redeweisen der Heiligen Schrift in Gleichnissen, einzelnen Bildworten und Reihen von Bildern in Traum- und Visionsoffenbarungen sind aus ihrer Besonderheit heraus zu verstehen.

Eine bildhafte Rede kann eine Sache entweder eindrücklicher, verständlicher und klarer machen oder sie nur andeuten bzw. umschreiben. Letzteres finden wir vor allem bei Prophetien und Aussagen über die Endzeit, das Gericht, das ewige Leben und Gottes Herrlichkeit, wie z.B. im Buch Daniel, beim Propheten Jesaja und in der Offenbarung des Johannes.

Soweit im unmittelbaren Text keine Erklärung der Bildrede gegeben ist, sind bei Gleichnissen die maßgeblichen Vergleichspunkte und bei Bildworten deren Aussageinhalte zu ermitteln. Das kann nur durch den Text- und Geschehenszusammenhang und durch klare Aussagen des NT erfolgen (siehe These 6). Die ermittelte Aussage muß dem Glauben gemäß sein (siehe These 12).

Im Hinblick auf den Verhüllungscharakter ist besondere Umsicht und Zurückhaltung geboten, wenn die einzelnen Visions- bzw. Traumbilder auf bestimmte Zeitalter oder auf die Gegenwart übertragen werden sollen. Bei der Offenbarung des Johannes ist z.B. die Gesamtabsicht maßgeblich zu berücksichtigen, ein Trostbuch für die verfolgte und angefochtene Gemeinde Jesu zu sein und von ihrem Sieg und ihrer Verherrlichung durch den wiederkommenden Herrn Christus zu künden.

 

Verworfen wird,

    eine bildhafte Rede wörtlich zu verstehen,

    jede willkürliche und spekulative Deutung bildhafter Redeweisen,

   die Meinung, daß uns in bildhaften Redeweisen neue Glaubensinhalte mitgeteilt werden, für die es keine anderen klaren Zeugnisse im Neuen Testament gibt, wie z.B. für die Meinung, daß Jesus Christus zunächst zur Errichtung eines äußeren weltlichen 1000-jährigen Friedensreiches wiederkommen werde,

   der Versuch, Gottes verborgenes Handeln in der Geschichte mit „prophetischer Sicherheit" zu entschlüsseln und unter Umständen gar den Zeitpunkt der Wiederkunft Christi zu ermitteln.

 

These 23

Gott ist nach seinem Wesen unveränderlich und treu, deshalb ist auch sein offenbartes Wort dem Wesen nach unveränderlich und zuverlässig (Jes. 40,8).

 

Da Gott nach seinem Wesen Wahrheit, Realität und Liebe ist, zeugt auch sein Wort von Wahrheit, Realität und Liebe (Ps. 33,4.9; Joh. 17,17, Hebr. 1,3, Apg. 13,26).

Nach biblischem Zeugnis gibt es nur eine Wahrheit – die Wahrheit Gottes.

Sie ist nicht ein abstrakter Gedanke oder nur ein akustisches Wort, sondern immer zugleich ein Wirken und Wirklichkeit.

 

Verworfen, wird die Meinung, daß

    sich Gott soweit herabgelassen habe (These 2), daß er auch etwas Unwahres oder Fehlerhaftes in und mit seinen Worten geredet habe,

    es außer und neben der Wahrheit Gottes noch eine widersprechende weltliche Wahrheit gäbe.

 

Verworfen wird, daß

  mittels der philosophischen These von der „doppelten Wahrheit" widersprüchliche Aussagen zwischen der Heiligen Schrift und einer kausal-mechanistischen Weltsicht überbrückt werden,

    auf dialektische Weise die Wahrheit der Heiligen Schrift relativiert oder aufgelöst wird.

Gott ist der Schöpfer und Herr auch der Naturgesetze. Gottes Wahrheit durchdringt und umfaßt alles, davon zeugt sein Wort. Nur der Heide Pilatus fragt: „Was ist Wahrheit?"

 

These 24

Gottes Wahrheit zu unserem Heil ist uns in Knechtsgestalt offenbart. Sie kann nur im Glauben erkannt werden.

 

Der Sohn Jesus Christus – wahrer Gott und wahrer Mensch – ist die zu unserem Heil fleischgewordene Wahrheit Gottes, aber in äußerer Knechtsgestalt. Jesu Gottheit, sein Erlöseramt und seine Sündlosigkeit können nicht auf weltliche Weise erkannt werden, denn an ihm ist äußerlich keine Gottheit, Hoheit und Herrlichkeit sichtbar, sondern nur Niedrigkeit (Jesaja 53). So verhält es sich auch mit der Botschaft der Heiligen Schrift zu unserem Heil. Ihre göttliche Wahrheit und Unfehlbarkeit kann auf weltliche Weise nicht erkannt werden. Die Heilige Schrift ist in vollem Umfang von Gott, wenn auch von Menschenhand geschrieben und nicht überwältigend logisch wie ein mathematisches Lehrbuch, sondern sie stellt sich in Niedrigkeit dar, mit stilistischen Unvollkommenheiten und scheinbaren Widersprüchen.

Die Spannung, die sich aus Gottes Offenbarung in Niedrigkeit ergibt, gilt es im Glauben auszuhalten.

 

These 25

Mit der natürlichen Vernunft nimmt der Mensch zunächst das äußere, buchstäbliche Wort Gottes auf. Das innere Verstehen und Vertrauen wirkt der Heilige Geist.

 

Aus diesen Gründen kann die natürliche Vernunft beim Verstehen und Auslegen der Heiligen Schrift immer nur eine dienende Funktion haben. Zuerst sind wir zum Hören und Glauben aufgefordert.

Weltliche Geistes- und Naturwissenschaften dürfen die Theologie nicht beherrschen – auch nicht indirekt, z.B. durch Übernahme bestimmter Methoden, die nicht der Schrift gemäß sind.

Die weltlichen Wissenschaften beruhen auf der natürlichen Vernunft, sie sind Menschenweisheit, die Theologie hingegen beruht auf göttlicher Offenbarung.

 

Verworfen wird die Meinung.

daß die Aussagen und Worte der Heiligen Schrift zu ihrem rechten Verständnis der Ergänzung oder gar Berichtigung durch weltliche Wissenschaften bedürften.

 

These 26

Die menschliche Vernunft mit ihren Erkenntnissen und Schlußfolgerungen ist auch durch den Sündenfall getrübt und verderbt.

 

Verworfen wird die Meinung, daß

   der Mensch alles oder zumindest einiges von Gott und dem Heilsweg selbst ergründen könne und er dabei nicht allein auf Gottes Offenbarung angewiesen sei,

    den Erkenntnissen der weltlichen Wissenschaften mehr als den Aussagen der Heiligen Schrift zu vertrauen sei,

    aus der Heiligen Schrift nur das zu glauben sei, was weltlich erklärbar und einsichtig ist,

    Gott sich nur innerhalb der bestehenden Naturgesetze offenbart habe,

    der Mensch nur bestimmte und nicht alle Lebensbereiche unter Gottes Wort und Gebot zu stellen habe,

    die Heilige Schrift mit einem historisch-kritischen Vorverständnis, das selbst nicht der Heiligen Schrift gemäß ist, recht verstanden und ausgelegt werden könne,

      (Der Widersacher spricht: „Ja, sollte Gott gesagt haben?“ (1. Mose 3,1).)

    das Verständnis und die Auslegung der Heiligen Schrift maßgeblich vom Kontext gegenwärtiger gesellschaftlicher oder kultureller Ansichten und Umstände oder von Philosophien und heidnischen Religionen bestimmt werden sollen. Dies würde dem einzigartigen Wesen der Offenbarung (siehe Thesen 1-3) widersprechen.

      (Der Apostel Paulus schreibt: „Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr empfangen habt, der sei verflucht“ (Gal 1,9).)

 

These 27

Gottes Geheimnisse, die uns nur bis zu einem gewissen Grade offenbart sind und über unser menschliches Verstehen hinausgehen, können und sollen wir nicht mit der Vernunft ergründen, sondern im Glauben anbetend bekennen.

 

Die Dreieinigkeit Gottes, das Nebeneinander der göttlichen und menschlichen Natur des Sohnes, die Art seines Versöhnungswerkes am Kreuz und seine Auferstehung sowie die Weise des Wirkens des Heiligen Geistes durch äußeres Wort und Sakrament wie auch die Erbsünde des Menschen sind der menschlichen Vernunft nicht einsichtig verstehbar und erklärbar. Das gilt ebenso für alle biblischen Wunder, für den Inspirationsvorgang und die Schriftwerdung.

 

Verworfen wird der Versuch,

die Geheimnisse Gottes mit menschlicher Vernunft zu erfassen und zu erklären.

 

These 28

Durch die Worte der Heiligen Schrift wirkt Gottes Heiliger Geist den Glauben an Jesus Christus und damit verbunden auch das Vertrauen, daß die Bibel von Jesus Christus zeugt und Gottes zuverlässiges und unfehlbares Wort ist.

 

Dieser Glaube kann nicht durch Erkenntnisse und Schlußfolgerungen der menschlichen Vernunft begründet oder bewiesen werden. Das Vertrauen auf das fleischgewordene Wort Jesus Christus kann nicht von dem Vertrauen auf das Schriftwort abgetrennt werden und auch nicht umgekehrt.

 

Verworfen wird die Meinung,

    daß die Heilige Schrift nicht zuverlässiges und unfehlbares Wort Gottes sei, weil man dies nicht mit der Vernunft beweisen kann.

   der Mensch müsse zuerst zu der Überzeugung gebracht werden, daß die Bibel Gottes wahres Wort sei, bevor er zum rettenden Glauben an Jesus Christus kommen könne.

 

These 29

Durch die Mittel seines Wortes und seiner Sakramente wirkt Gott an den Herzen der Menschen in geheimnisvoller Weise.

 

Die Heilige Schrift und die Verkündigung ihrer Botschaft sind mehr als nur äußeres Wort. Taufe, Abendmahl und Absolution sind mehr als nur äußere Elemente oder zeichenhafte Handlungen.

Kraft des Heiligen Geistes empfängt der Mensch durch das Evangelium Vergebung der Sünden und Wiedergeburt. Der dreieinige Gott begegnet dem Menschen – in und mit der Absolution, der Taufe und dem Abendmahl bietet Gott seine Gnade dar und eignet sie auch zu (zur Sakramentslehre im einzelnen wird auf die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche verwiesen, vgl. These 12).

 

Verworfen wird die Meinung,

    das äußere Wort der Heiligen Schrift entfalte keine göttliche Kraft und Wirkung und sei deshalb vergleichbar mit außerbiblischen philosophischen, humanistischen, ethischen oder gar heidnisch-religiösen Texten und Worten,

    die Sakramente seien nur äußere Handlungen, die nur dazu dienen, ein Bekenntnis abzulegen oder eine Tradition der Gemeinde fortzuführen,

    die Sakramente könnten auch ohne den Glauben Vergebung der Sünde und das Heil des Menschen wirken.

 

In dieser schwern betrübten Zeit
verleih uns, Herr, Beständigkeit,
daß wir dein Wort und Sakrament
behalten rein bis an das End.
Amen.

 


Hier eine Innenansicht der Markus-Kirche in Konstanz. Sie gehört zur SELK (Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche). Zu dieser Gemeinde besteht seit kurzem ein erster Kontakt und theologischer Austausch.