Der Schweizer Journalist Michael Meier rechnet mit
religiösen Großveranstaltungen wie dem Weltjugendtag, dem
Dalai-Lama-Treffen oder evangelikal-charismatischen Gottesdiensten ab.
Unter dem Titel "Der Siegeszug der Eventreligion" kritsiert er
derartige Massenveranstaltungen.
Religiöser Boom hält "Gottvergessenheit" nicht auf
In der aktuellen Ausgabe des "Tagesanzeigers" (Zürich) kritisiert
der Journalist bestimmte Massenveranstaltungen, die Religion zu Events
reduzieren und dabei aussagekräftige Inhalte vernachlässigen
würden. In seinem Artikel bezieht sich Meier auf die Aussagen von
Religionssoziologen, die den Begriff der "Eventisierung der Religion"
geprägt hätten. Hierbei werde religiöses Erleben zum
"bloße[n] Ergriffenwerden"; das Erleben "erschlossene[r] Inhalte"
verliere dabei an Bedeutung. Mit einem "Kirchenfrühling", wie dies
der Wiener Kardinalerzbischof Christoph Schönborn angesichts des
Weltjugendtages zu erkennen glaubte oder gar einer Rechristianisierung
der Gesellschaft, habe das Ganze wenig zu tun.
Von einer Wende im säkularisierten Europa zu sprechen, sei laut
Meier, "mehr Wunschdenken als Realität". Auch Papst Benedikt XVI.
bleibe diesbezüglich auf dem Boden der Tatsachen. Er habe erkannt,
dass die Säkularisierung im öffentlichen Leben weiter
voranschreite und mache dabei gleichzeitig auf einander scheinbar
widersprechende Phänomene wie "Gottvergessenheit" und "Boom des
Religiösen" aufmerksam. Diese Tendenzen führten dazu, dass
Religion zu einem "Marktprodukt" werde.
In dem Zusammenhang kritisierte der Papst bei einer Messe auf dem
Marienfeld in Köln: "Man sucht sich heraus, was einem
gefällt. Und manche wissen Gewinn daraus zu schlagen." Das
Herauspicken einzelner inhaltlicher Elemente gehe laut Meier so weit,
dass teilweise die religiöse Botschaft zu Gunsten des
religiösen "Subjektes" ganz in den Hintergrund zu rücken
drohe. Der Soziologe Gerhard Schulze spricht von einer
"erlebniszentrierten Nachfrage nach Religion", die zunehmend mit
individuellen, ästhetischen und therapeutischen Interessen
verbunden werde.
Inhalte verblassen vor dem Hintergrund gemeinschaftlichen Erlebens
Die Religionssoziologie redet in diesem Zusammenhang von "Patchwork-
oder Auswahlchristentum" und meint die Ursache dafür in der
allgemeinen Individualisierung und dem daraus resultierenden
Bedürfnis nach Kollektivität zu finden. Im Falle des
Weltjugendtags bedeutet dies, dass Jugendliche Spiritualität in
der Gemeinschaft erleben wollen: "Im kollektiven Ritual treten [sie]
aus sich heraus und erleben eine Art Kontrollverlust oder
selbstvergessene Ekstase - ähnlich wie bei Rockkonzerten".
Entscheidend sei in dieser religiösen Erfahrungswelt nicht so sehr
der Inhalt, als vielmehr das "bloße Ergriffenwerden". Im Zentrum
steht also das religiöse Subjekt und weniger die Botschaft. Sowohl
beim Weltjugendtag wie auch bei dem Dalai-Lama Treffen in Zürich,
das rund 30.000 Menschen besuchten, wurden keine eindeutigen
Botschaften und Bekenntnisse geäußert. Im Vordergrund stand
das Zusammensein, wesentliche Glaubensinhalte kamen nicht zur Sprache.
Ideologieanfällige Eventkultur
Die religiöse Eventkultur sei auch eine Reaktion auf die
"verkopften Kirchen und deren rationalistische Botschaft", meint Meier.
Diese Reaktion diene als Beweis dafür, dass Glauben erfahren
werden wolle. Im "Ergriffenwerden in der Masse" sieht Meier allerdings
die Gefahr, dass verstandesmäßiges Denken aussetzen kann,
was die Eventkultur anfällig für Ideologien mache. Er
rät dringend zu einem reflektierten Umgang mit der
Erlebnisreligion.
Erlebniswelt: Religiöse Großveranstaltungen
Meier versucht, religiöse Megaevents in unser Gesellschaftssystem
einzuordnen. Er bezeichnet beispielsweise den Weltjugendtag als eine
Erlebniswelt neben vielen anderen wie StreetParade, Hiphop, Graffiti
oder Comics: "Heute leben wir in einer Minderheitengesellschaft. Der
Weltjugendtag steht genauso wie die Street Parade nur für eine
Minderheit und ist eine unter vielen anderen Erlebniswelten."